Die Frage, die im Tiny House immer kommt
Wenn Besuch da ist, kommt sie irgendwann. Manchmal beim Kaffee, manchmal schon in der Türe, wenn die Schuhe noch nicht ausgezogen sind: Und, wie gefällt es euch?
Seit bald vier Jahren wohnen wir in unserem Tiny House KOKOMO, und wir antworten jedes Mal ungefähr dasselbe. Gut. Sehr gut sogar. Und dann kommt der Satz, den wir nie richtig erklären konnten: Wir sind hier irgendwie der Natur viel näher.
Das Gefühl war von Anfang an da. Nicht als Erkenntnis, eher als Grundrauschen. Aber warum genau, das konnten wir nie sagen. Es blieb bei diesem «irgendwie», das man Leuten hinwirft, wenn man es selbst nicht besser weiss.
Für eine Antwort, die wir seit vier Jahren geben, ist das ein bisschen dünn.
Eine Armlänge, mehr ist es nicht
Die Antwort ist vermutlich viel banaler, als wir gedacht haben. Sie ist uns beim Abwaschen aufgefallen, was irgendwie passend ist.
Egal wo im Haus wir stehen: Wir schauen nach draussen. Überall sind Fenster. Im Bad, in der Küche, im Wohnraum, im Büro, über dem Bett.
Und jetzt kommt der Einwand, den wir uns selbst gemacht haben: Das haben andere Häuser auch. Fenster sind keine Erfindung von Kleinwohnformen. Wohnungen haben Fenster, Einfamilienhäuser haben mehr davon, und manche haben ganze Glasfronten, gegen die unsere Scheiben ziemlich bescheiden aussehen.
Der Unterschied ist nicht die Anzahl. Der Unterschied ist die Distanz.
In einer durchschnittlichen Wohnung kannst du dich mitten in den Raum stellen und bist fünf, sechs Meter vom nächsten Fenster entfernt. Du siehst dann vielleicht ein Stück Himmel und die Dachkante vom Nachbarn. Draussen ist etwas, zu dem du hingehen musst.
Auf 36 Quadratmetern geht das gar nicht. Es gibt bei uns keinen einzigen Punkt, an dem wir weiter als eine Armlänge vom Glas weg sind. Draussen ist kein Ausblick, den man sich holt. Draussen ist einfach da, ständig, in jedem Raum, von jeder Position aus.
Ein Rundgang in fünf Fenstern
Am deutlichsten wird es, wenn man das Haus einmal durchgeht.
Im Bad stehen wir beim Zähneputzen und schauen ins Grüne. Kein Milchglas, kein Lichtschacht, kein Ventilator, der surrend so tut, als wäre er frische Luft.
In der Küche ist der Blick nach draussen der Standardblick. Abwaschen, Gemüse rüsten, warten bis das Wasser kocht — man schaut ja irgendwo hin, und bei uns ist das immer das Wetter.
Im Wohnraum sitzen wir mit der Birke vor der Nase. Wir wissen mittlerweile ziemlich genau, wann sie ihre Kätzchen abwirft, wann die ersten Blätter kommen und wann sie mitten im Hochsommer beschliesst, ein paar davon fallen zu lassen.
Und im Büro sind es die Bullaugen. Sie lassen sich nicht öffnen und sind für Sichtschutz eine mittlere Katastrophe — aber sie werfen den ganzen Tag wandernde Lichtkreise in den Raum, und man merkt am Winkel, wie spät es ist.
Am deutlichsten wird die Sache aber in der Schlafnische. Das Fenster liegt dort direkt über dem Bett. Wir müssen uns nicht aufsetzen, um zu sehen, was für ein Tag wird — es genügt, die Augen aufzumachen. Und wenn es nachts regnet, hört man es nicht durch die Wand, sondern eine Handbreit über sich.
Fünf Räume, fünf Blicke. Und keiner davon ist weiter weg als eine ausgestreckte Hand.




Der Waschtag richtet sich nach dem Wetter
Es bleibt nicht beim Schauen. Das ist der Teil, den wir lange unterschätzt haben.
Wir waschen die Wäsche, wenn die Sonne scheint. Nicht aus Prinzip, sondern weil sie draussen dann schneller trocknet und der Strom vom Dach ohnehin gerade da ist. Wenn es tagelang regnet, wächst der Korb — und wir warten einfach.
Dasselbe beim Heizen: Wird es draussen kalt, legen wir Holz nach. Es gibt keinen Thermostaten, der das erledigt, während wir nichts merken. Und im Sommer machen wir morgens alles auf und mittags alles zu, weil das die einzige Klimaanlage ist, die wir haben.
Der Alltag richtet sich nach draussen. Das klingt nach Einschränkung, fühlt sich aber überhaupt nicht so an. Es fühlt sich an, als würde man mitbekommen, was los ist.
Wir kriegen die Jahreszeiten mit
Über vier Jahre summiert sich das zu etwas, das wir vorher nicht kannten. Wir verpassen nichts mehr.
Wir sehen, wann der erste Nebel im Feld hängt. Wir sehen den Tag, an dem die Birke von einem Moment auf den anderen grün wird. Wir sehen, wie das Licht im Oktober flacher wird, weil es ab drei Uhr durch die Bullaugen bis an die hintere Wand reicht.
Früher wusste man vom Wetter das, was einem der Weg zum Auto verraten hat. Jetzt ist es einfach die Kulisse, vor der der ganze Tag abläuft.
Und, wie gefällt es uns?
Geplant war das nie. Beim Grundriss ging es um Stauraum, Wegführung und darum, dass sich 36 Quadratmeter nicht klein anfühlen. Dass am Ende jeder Quadratmeter am Fenster liegt, ist keine Naturverbundenheits-Strategie, sondern eine Nebenwirkung von wenig Fläche.
Aber es ist die schönste Nebenwirkung, die wir kennen. Für das Gefühl gibt es sogar ein Fachwort — Biophilie —, aber das klingt nach deutlich mehr Absicht, als wir hatten.
Wenn uns das nächste Mal jemand fragt, wie es uns gefällt, sagen wir also wahrscheinlich immer noch: gut, wir sind der Natur näher. Aber falls jemand nachfragt, haben wir jetzt wenigstens eine Antwort.
Es ist keine Philosophie. Es ist eine Armlänge.

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